Der gute Zweck

Kinder helfen Kindern: Integration durch "Kids in Clubs"

 

Von Rainer Grünberg, Sabrina Junge

Die erfolgreiche Abendblatt-Aktion finanziert Kindern aus einkommensschwachen Familien Mitgliedschaften in Hamburger Sportvereinen

Hakan, Michael und Dennis sind ganz schön aus der Puste. Michael Wolfsohn, 48, ihr engagierter Trainer, hat sie wieder mal eine Stunde lang durch die Gymnastikhalle des ­Altonaer Turnverbandes (ATV) an der Kirchenstraße gescheucht. Sie wischen sich den Schweiß von der Stirn, atmen tief durch, während von der Bühne Wolf­sohn mehr auffordernd als fragend ruft und dabei kräftig in die Hände klatscht: "Könnt ihr noch?" Hakan, Michael und Dennis nicken. Es geht weiter, eine weitere halbe Stunde. Am Ende der Einheit strahlen alle drei: "Geschafft! Das hat gutgetan", sagt Dennis.

Auch der gebürtige Weißrusse Wolfsohn, 1988 sowjetischer Vizemeister im Boxen, lacht laut und herzlich. "Die Jungs ziehen alle gut mit, sie sind ehrgeizig, haben Ziele, da macht niemand schlapp. Und sie wissen sich alle auch außerhalb des Trainings zu benehmen. Sie haben gelernt, sich an unsere Regeln zu halten." 20 junge Leute nehmen montagabends regelmäßig an seinem Boxkurs teil, Deutsche, Polen, Russen, Türken, Afghanen. Ein einziges Mal hat es in den vergangenen Jahren Probleme gegeben. Als Konsequenz musste der junge Mann den Verein verlassen. "Wir machen zusammen Sport, reden deutsch miteinander", sagt Wolfsohn, "das ist Integration."

Hakan, Michael und Dennis profitieren von der Aktion "Kids in die Clubs", die ihren Monatsbeitrag beim ATV übernimmt. Jeder Hamburger Jugendliche sollte in einem Sportverein Mitglied werden können, egal ob seine Eltern sich die Beiträge leisten können, das Taschengeld reicht oder nicht – weil Bewegung für die körperliche und geistige Entwicklung Heranwachsender unverzichtbar ist. Aus dieser Zielsetzung entwickelten die Hamburger Sportjugend (HSJ) und die Sportredaktion des Abendblatts in den Jahren 2004/05 das Projekt "Kids in die Clubs", anfangs nur finanziert mit Spendengeldern des gemeinnützigen Abendblatt-Vereins "Kinder helfen Kindern". Die HSJ leistet die organisatorische Umsetzung und übernimmt die administrative Abwicklung. Der traditionsreiche Altonaer Turnverband von 1845 (8000 Mitglieder) macht bei dieser Initiative von Anfang an mit.

Eltern sind begeistert, welche Sportmöglichkeiten ihre Kinder haben

"Derzeit haben wir rund 150 ,Club-Kids'", sagt Sportkoordinatorin Brigitte Harms. Pro Monat kämen acht bis 15 neue Anträge. Die beliebtesten Kurse seien Boxen, Kung-Fu, Kinderturnen, auch Tanzen und Parcours würden häufig nachgefragt. "Die Eltern sind begeistert", sagt Harms, "welche Möglichkeiten sich ihren Kindern bieten."

Dass jedes Jahr neue Einzelnachweise auf einem einseitigen Formular bei der HSJ eingereicht werden müssten, mache zwar Arbeit, "dadurch entfallen aber die Karteileichen und das Angebot kommt wirklich denjenigen zugute, die es auch nutzen wollen". Allerdings schafften es viele Familien nicht, die Unterlagen rechtzeitig einzureichen. Harms: "Das kann zu Problemen führen. Aber auch hier bieten wir Unterstützung an." Der Verein ist darüber hinaus für seine Hilfsbereitschaft bekannt. 60 Mitglieder haben momentan Patenschaften für Asylsuchende übernommen, zahlen deren Beiträge.

"Kids in die Clubs" ist in den vergangenen Jahren ein Modellprojekt für viele ähnliche Initiativen in ganz Deutschland geworden. Die Aktion stand auch Pate, als die damalige Familien-, spätere Arbeits- und heutige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) 2010 das Teilhabegesetz formulierte. Dieses soll Kindern aus einkommensschwachen Familien helfen, Mitglied in Sportvereinen zu werden, zum Schwimmunterricht zu gehen, Musik zu machen oder an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen.

In Hamburg wurde im letzten abgerechneten Förderzeitraum (August 2014 bis Juli 2015) 9371 Kindern und Jugendlichen die Mitgliedschaft in Sportvereinen durch "Kids in die Clubs" ermöglicht. Elf Prozent von ihnen hatten dabei keinen Anspruch auf Förderung durch das Bildungs- und Teilhabepaket, kamen jedoch aus einkommensschwachen Familien, die über der Hartz-IV-Grenze lagen, und wurden über Spenden und Mittel aus dem Sportfördervertrag des Hamburger Sportbundes mit der Stadt unterstützt.

Die Gesamtkosten von 811.664,50 Euro für die Förderung von Mitgliedschaften und 137.644,96 Euro für die Unterstützung Einkommensschwacher bei Sportfreizeiten, Wettbewerben und Trainingslagern beliefen sich 2014/15 auf 949.309,46 Euro. Finanziert wurden diese aus Spendengeldern des ­Vereins "Kinder helfen Kindern" (100.000 Euro), dem Sportfördervertrag (116.929,96) und aus dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung (732.379,50).

164 Hamburger Sportvereine haben bis heute die Rahmenvereinbarungen für "Kids in die Clubs" abgeschlossen, akzeptieren damit Monatsbeiträge von zehn Euro, obwohl diese in vielen Abteilungen höher sind. Die Angebote reichen von Fußball über Fechten, Judo, Yoga, Pilates bis zum Voltigieren und Schach. Bisher hat "Kids in die Clubs" fast 100.000 Hamburger Heranwachsende unterstützt.
Ein wichtiger finanzieller Eckpfeiler ist seit 2006 der HSH Nordbank Run, Norddeutschlands größ­ter Spenden- und Firmenlauf, organisiert vom Sportpromoter Axel Gernert. Bis heute kamen dank dieses Events mehr als 1,5 Millionen Euro für "Kids in die Clubs" zusammen.

Erschienen im Hamburger Abendblatt am 26. März 2016

Weitere Informationen zu "Kinder helfen Kindern e.V." und aktuellen Projekten finden Sie hier.

 

 

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